Kenia: Tsavo West Nationalpark

Kenia: Tsavo West Nationalpark

Gerade als wir vom Feldweg wieder auf die Teerstraße einbiegen, hält Fred bei einem Mann am Straßenrand, der uns offensichtlich bereits erwartet hat und übergibt eine braune Papiertüte. Danach erzählt er uns, dass diesem Mann ein Restaurant im Amboseli gehört, welches seine Frau und seine Kinder führen. Da die Familie kein Auto besitzt, bringt Fred die Einnahmen zu ihm nach draußen, von wo aus der Mann einen LKW mieten und Lebensmittel kaufen kann.

Massai Taxi

Massai Taxi

Nicht viel mehr als drei Minuten folgen wir der Teerstraße, dann deutet ein Schild des Tsavo West Nationalparks bereits wieder auf einen Feldweg auf der anderen Straßenseite und gibt an, dass diesem noch 66km zu folgen seien. Die Fahrt auf dem Feldweg ist geprägt von Massai-Taxen, LKWs mit einer Ladefläche voller Menschen, dem Euphobia-Baum aus der Kaktus-Familie, einem betrunkenen Massai, der morgens gegen zehn schon zu viele Biere hat und Tomatenfeldern. Am Rande des Weges tummeln sich zahlreiche, teils wilde Esel. Das Privileg, ein Pferd zu besitzen, ist den oberen kenianischen Zehntausend vorbehalten. Wilde Pferde gibt es im Land nicht. Wir erreichen eine Ansammlung von Massai-Dörfern, die mit dem Tourismus offensichtlich nicht viel am Hut haben. Es fällt auf, dass sie „privat“ zwar Jeans und T-Shirt tragen, während ihrer täglichen Arbeit, also zum Beispiel des Vieh-hüten, jedoch die funktionale Stammestracht. Ich kann nur vermuten, dass ihnen in den Stofftüchern untertags auf den Feldern nicht zu heiß wird.

Unmittelbar nach den Dörfern wechselt die Landschaft. Man kommt sich auf einmal vor wie auf dem Mond. Der Boden besteht aus schwarzen, scharfen Steinen und es gibt nur noch vereinzelt grüne Büsche. Unaufgefordert erklärt Fred, dass wir uns nun auf dem Shetani-Lavafeld am Fuße der Chyulu Hills befinden. Nachdem wir das Tor des Nationalparks hinter uns gelassen haben, halten wir auf einem „See“ der erkalteten Lava und haben Zeit, ein paar Fotos zu machen.

Während wir tiefer in das Innere des Parks vorstoßen, wechselt die Vegetation wieder auf volles Grün und der Boden wieder auf fruchtbaren Lehm. Im Park begrüßt uns eine Herde Giraffen, die vollkommen ohne Scheu um unseren Jeep herumlaufen. Sogar Fred zückt seine Digitalkamera, um Bilder der ansonsten so schreckhaften Tiere zu machen. Anschließend kommen wir an einen weiteren Ausläufer des Shetani-Vulkans, der zuletzt vor 500 Jahren ausgebrochen ist und seine Lava in einem großen Radius verteilt hatte.

Mzima Springs

Mzima Springs

Wir lassen die Bergkette der „Fünf Schwestern“ rechts liegen, durchfahren das Chyulu-Gate des Parks und erreichen schließlich die Mzima Quelle. Wir wollen dort Wassertiere beobachten, sehen aber nur einen Krokodilkopf aus einiger Entfernung und große blaue Fische. Von den zahlreichen Flusspferden, von denen der Ranger am Morgen noch 14 Stück gezählt haben will, sehen wir nichts. Für die Hippos ist es einfach zu warm. Deshalb machen wir uns lieber wieder auf den Weg, um unser heutiges Camp, die Ngulia Safari Lodge zu erreichen. Trotz der Mittagssonne treffen wir Schwarzfesselantilopen und vier Warzenschweine an, davon ein Jungtier und einen Eber mit riesigen Keilern.

In der Lodge angekommen haben wir Zeit, etwas zu essen und uns für den nächsten Game Drive frisch zu machen. Von der Terrasse der Lodge können wir Antilopen und Wasserbüffel beobachten. Um 16 Uhr starten wir den nächsten Trip. Die Sonne brennt noch immer unermüdlich herunter und es zeigen sich anfangs noch wenige Tiere. Doch auf einmal erreichen wir einen kleinen Abhang des Feldwegs, auf dem tatsächlich sechs ausgewachsene Löwen einen Spaziergang machen. Binnen weniger Minuten sind außer uns noch ca. zehn andere Jeeps an dem Weg, trotzdem haben wir mehrmals die Gelegenheit, bis auf einen Meter an die Raubkatzen heranzufahren. Das Rudel ist augenscheinlich satt, legt sich immer wieder in das Gras und lässt sich die Sonne auf den Pelz scheinen. Sie strahlen trotz der erkennbaren enormen Kraft eine majestätische Ruhe aus, die ihnen wohl neben ihrem Gebrüll den Titel als „König der Tiere“ eingebracht hat. Es ist umso bemerkenswerter, gleich sechs der großen Raubkatzen anzutreffen, da es im ganzen 7.000km² großen Parkgelände nur etwa 45 Exemplare gibt. Anzumerken ist noch, dass selbst die männlichen Löwen aufgrund der enormen Hitze keine Mähne besitzen.

Unsere weitere Pirschfahrt bleibt leider erfolglos. Neben einigen Vogelarten sehen wir lediglich Antilopen (v.a. Dikdiks) und Wasserbüffel. Die afrikanischen Vögel weisen übrigens eine deutlich breiter gefächerte Farbpalette auf als unsere heimischen. Zum Abschluss unserer Tagestour erklärt Fred uns noch den Ursprung der roten Erde, die man in Kenia so häufig beobachten kann und die ich bereits angesprochen habe. Ich werde versuchen, seine gebrochen deutsche Geschichte einigermaßen sinngemäß wiederzugeben.

Als vor 25 Millionen Jahren die Erde begann, sich tektonisch zu verändern und die uns heute bekannten Kontinente auseinanderbrachen, wurde im heutigen Kenia viel Eisen an die Oberfläche getragen. Es kam dort mit Luft und Wasser in Verbindung und oxidierte. Das entstandene Rotoxid ist dann letztendlich das, was dem Boden Kenias seine Farbe gibt und ihn so fruchtbar macht.

Leoparden-Anfütterung in der Ngulia Lodge

Leoparden-Anfütterung in der Ngulia Lodge

Nach unserer Rückkehr in die Lodge und dem Abendessen warten wir gespannt auf den vierten der „Big Five“, den Leoparden. Er wird von den Rangern ob seiner Seltenheit vor der Terrasse der Lodge angefüttert und soll auch heute wieder kommen. Laut Fred liegt die Wahrscheinlichkeit etwa bei 85%. Anscheinend haben wir unser Glück in den letzten Tagen aber mit Löwen überstrapaziert, denn der „Leo“ lässt sich den ganzen Abend über nicht blicken. Auch das fünfte Tier der „Big Five“ ist uns leider verwehrt geblieben, obwohl ich mich gerade darauf besonders gefreut hatte. Das Nashorn („Rhino“) ist nachtaktiv und ebenfalls im ganzen Land sehr selten geworden. Im Tsavo West Nationalpark gibt es nur noch 18 Stück davon und diese leben im Rhino Sanctuary, einem Pflegeareal, in dem die bedrohte Tierart gehegt und gepflegt wird. Zum Zeitpunkt unserer Reise darf man das Sanctuary leider nicht besuchen. Schade, aber vielleicht haben wir ja morgen früh auf dem Rückweg nach Mombasa, von wo aus es weiter an die Südküste zum Badeurlaub geht, doch noch etwas Glück.